DIE WELT VON MORICE LIPSI

(1898 – 1986)

Neulich hatte ich Gelegenheit, den Nachlass des Bildhauers Morice Lipsi zu besichtigen. Die Spiritualität, die aus seinen Werken strömt, hat mich erschüttert. Er wählte  oft Materialien, die Kraft ausstrahlen: Marmor, Granit und Lavastein. Sie   wirken jedoch nicht schwer, vermitteln kein niederdrückendes, sondern ein erhebendes Gefühl.   Zerbrechlichkeit  mit schwerer Materie? Ja,  auch das ist möglich.  Morice Lipsi  – gemäss seinem Leitspruch –  hat das Licht in seinen Skulpturen eingefangen. Ein bleibendes Erlebnis.

Die Kunsthistorikerin Meret Kaufmann hat gemeinsam mit dem Künstler Thomas Julier ein schönes Büchlein  über das Leben und Oeuvre  des Künstlers zusammengestellt,  mit ihrer Erlaubnis zitiere ich ihr Schreiben.

Le grand Granit 1962, blauer Granit (Bretagne)

Lebenslauf

Morice Lipsi wurde 1898 als Izraël Moszec (Moryce) Lipszyc in Pabianice bei Lodz, Polen, geboren. Im Jahr 1912 zog er nach Paris, wo er nach dem ersten Weltkrieg Anerkennung für eine Reihe von Einzelausstellungen und Arbeiten im öffentlichen Raum erhielt. Während Lipsis Werk in dieser ersten Phase vorrangig figurativ war, nahm es nach dem zweiten Weltkrieg eine Wende hin zur Abstraktion. Den Höhepunkt seines Schaffens markieren die 1950er bis 1970er Jahre. In dieser Zeit fanden seine monumentalen, direkt in Stein gehauenen Skulpturen weltweit in Galerien, Museen und im öffentlichen Raum Anklang. Im Laufe seiner schaffensreichen Karriere richtete sich Lipsi ein Zuhause mit Atelier in Chevilly-Larue ein, südlich von Paris, sowie in Küsnacht-Goldbach bei Zürich, wo er schliesslich 1986 verstarb. Nicht weit davon, in Hinwil bei Zürich, beherbergt die Sammlung LIPSI heute seinen künstlerischen Nachlass.

Meret Kaufmann

Lipsi au travail 1963

                                  » La pierre est là pour sculpter la lumière «

Die Aussage Morice Lipsis (*1898 in Pabianice, Polen) wider­spricht auf den ersten Blick den massiven Steinblöcken, denen der Künstler Gestalt verlieh. Doch scheinen die soliden Elemente aus Granit, Marmor, Kalk- oder Lavastein, die Lipsi als » maître de la taille directe « mit Hammer und Meissel bearbeitete, der Schwerkraft zu trotzen: Lipsis Skulpturen sind Balanceakte, in denen Gegensätze zeitweilig aufgehoben sind – abstrakte dynamische Kompositionen, die im Tanz zwischen fester und flüchtiger Materie, Licht und Schatten, Werk und Umwelt aufleben.

Deux masques 1945, Gips
Tectonique I 1955, Lava

Um die Wechselwirkung zwischen Licht und Schatten einzufangen, arbeitete Lipsi bevorzugt unter freiem Himmel. Seine Werke fanden bald Eingang in das Museé d’Art Moderne de la Ville de Paris (1957, 1962 und 1964), die Kunsthalle Bern (1945) und die Hallen der documenta II (1959), Kassel. Hier zeigte der Künstler seine Arbeiten neben KollegInnen wie Hans Arp, Constantin Brâncuçi, Ossip Zadkine, Sonia Delaunay oder Henri Laurens. Hinzu kamen Ausstellungen in Galerien in Paris, Zürich, Frankfurt, New York und Tokyo, wo Lipsi als Vertreter der europäischen Avantgarde und Abstrakten Moderne Anerkennung fand.

Als Teilnehmer und später auch Initiator von Skulptur­symposien und weiteren Projekten im öffentlichen Raum wirkte Lipsi über ein eng gefasstes Kunstfeld hinaus. So wurden 1963 der Lavasteinbruch und Strand von Manazuru nahe Atami in Japan zu Lipsis Arbeitsplatz im Freien für die Skulptur Océanique I (Pacifique) aus Vulkangestein. Ebenfalls aus Lava – das der Künstler mit Vorliebe erforschte – schuf er Kabbalistique, la grande extension (1966); eine Skulptur als Auseinandersetzung mit Lipsis jüdischer Herkunft, die erst 1987, ein Jahr nach seinem Tod, nach Tel Aviv in Israel gelangte. Zwischen Berg, Fluss und Strasse ragt am Eingang zur französischen Stadt Grenoble seit 1967 die »olympische Säule«, Ouverture dans l’espace, in den Himmel und heisst Reisende willkommen. Dauerhaft im öffentlichen Raum installiert, halten Lipsis monumentale Skulpturen dem Wandel der Zeit stand, während ihre Gestalt sich je nach Wetter und Blickwinkel verändert.

Le dialogue 1961, Lava

Das Spiel mit Licht und rhythmischer Bewegung prägt das Schaffen des Bildhauers durchweg. In Lipsis Frühwerk finden sich zahlreiche musizierende oder badende Figuren, oft aus Elfenbein, Gips oder Holz gearbeitet. Kennzeichnend ist zudem Lipsis frühe Kunst des Flachreliefs: An der Grenze zwischen dem Zwei- und Dreidimensionalen zeigt sich in diesen Reliefs die Sensibilität des Künstlers für unterschiedliche Materialien im Austausch mit dem Atmosphärischen. Diese Werke aus der ersten Schaffensphase Lipsis von den 1910ern bis 1940ern sind grösstenteils figurativ und in Paris entstanden. Hier hatte Lipsi an der École des Beaux-Arts studiert und in der umtriebigen Künstlerkolonie »La Ruche« in Montparnasse gelebt (im »Bienenstock« tummelten sich unter anderem Marc Chagall, Jacques Lipchitz, Amedeo Modigliani, Chaim Soutine und Ossip Zadkine), bevor er sich in Chevilly-Larue südlich der Hauptstadt niederliess.

Sur pivot II 1970, weisser Marmor (Carrara)

Skizzenblock und Bildhauerwerkzeug begleiteten Lipsi auch, als er während des Zweiten Weltkriegs von Chevilly-Larue nach Südfrankreich und weiter in die Schweiz fliehen musste. In der Schweiz fand er durch seine Gattin, die Malerin Hildegard Weber-Lipsi, ein Exil und zugleich eines der Sujets, das einen Wendepunkt in seinem Werk zwischen Figuration und Abstraktion markiert: die Weinbergschnecke, die Spirale, die einen endlos sich ausweitenden Raum – über die Skulptur hinaus – eröffnet. Tierische und pflanzliche Wesen gehen fortan fliessend in mineralisch-abstrakte Formen über; in einer Serie von Masken von 1945 verschränken sich menschlich-organische und musikalisch-künstlerische Formen, Vorder- und Rückseiten, Innen- und Aussenraum.

Lipsis ebenso spielerische wie scharfsinnige Formgebung zieht sich durch sein Werk bis zur letzten Zeichnung vor seinem Tod, La Valse, 1986. Im selben Jahr starb der Künstler in Küsnacht- Goldbach bei Zürich, wo er mit Hildegard Weber-Lipsi und den drei Töchtern eine zweite Heimat gefunden hatte. In Hinwil, Kanton Zürich, beherbergt die Sammlung LIPSI heute Modelle, Studien, Zeichnungen und Skulpturen aus dem Nachlass des Künstlers. Es ist die Verflüssigung von Grenzen zwischen Alltag, Natur und Kunst, zwischen Figuration und Abstraktion, lebender und nicht-lebender Materie, durch die Morice Lipsis Oeuvre heute grosse Resonanz erzeugt.

Meret Kaufmann

Die Fotos sind von Gabrielle Beck-Lipsi zur Verfügung gestellt.

Weitere Informationen: http://www.sammlung-lipsi.ch

Autor: Anna Rybinski

Ich habe meine Jugend in Ungarn verbracht, wo ich auch die Ausbildung zur Musikerin absolvierte. Nach der Übersiedlung in die Schweiz arbeitete ich als Musikpädagogin und organisierte Kinderkonzerte. Seit einigen Jahren ist mein Tätigkeitsfeld erweitert: Ich schreibe Texte für Konzertprogramme, Artikel zum Thema Kultur, Kurzgeschichten, Satiren und Krimis, die in Anthologien erschienen sind. Lesungen aus meinen Texten fanden in Adligenswil (2011), Luzern (2012), Zürich und St. Moritz (2014) statt. Neben Musik sind bildende Kunst, Geschichte und Politik wichtige Themenbereiche für mich, wie es aus meinen Kolumnen ersichtlich ist. Literarische und historische Ereignisse hingegen liefern mir Motive für Kurzgeschichten, wie bei meinem Taschenbuch »Tod auf der Schatzalp«. Es wurde 2012 beim Aurora Buchverlag Berlin publiziert. Beim www.net-verlag.de erschienen neulich von mir die historischen Erzählungen »Bâb-ilu, die Pforte Gottes« und »Amo amas«.

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